Wie waren ca. 3.100 nm auf dem Atlantik?

1732 nm bis zum Ziel. Dienstag 02.12.2014

Am 24.11. sind wir gestartet. Es war ziemlich viel los in der Marina Deportivo de Las Palmas. Da der Start wegen des schlechten Wetters vom 23. auf den 24.11. verschoben worden war, änderten sich auch die Startpläne. Das heißt, dass nicht wie für den 23. vorgesehen erst die Multihulls, dann die Racer und dann die Cruiser starten, sondern es starteten zuerst die Racer und dann ALLE anderen gleichzeitig.

In dem Bereich vor der Marina war ein Feld vorgesehen, in dem sich alle Schiffe (ca. 180) versammeln und um 11 Uhr fiel dann der Startschuss. Da das Wetter immer noch nicht ideal war und es vor dem Hafenbecken doch schon wellig wurde, mussten sich die Skipper gut konzentrieren und auf die Schiffe achten, die sich dann doch im letzten Moment noch vorbei drängeln mussten. Berthold blieb ganz gelassen und wir sind um 6 Minuten nach 11 Uhr über die Startlinie gefahren.

Es ist alles sehr gut gegangen. Wir waren froh und voller Erwartung auf die nächsten drei Wochen. Aber, da das Wetter in den Tagen vor dem Start schon sehr ungemütlich war, gab es noch immer eine Menge ungemütlicher Wellen. Und – leider leider – waren diese Wellen sehr hackelig und von der Seite, was ein Katamaran gar nicht gerne mag. Will meinen: das Schiff eierte nur so in den Wellen herum. „Segelt wie ein Holzschuh“, sagt Berthold gerne. Der Wind war nicht ideal, die Wellen nicht ideal, ich war erkältet und brütete an einem Husten und Halsschmerzen und fühlte mich nicht so gut. Alles das führte dazu, dass es mir wirklich übel ging und ich mich hinlegen musste. Und leider hat die Übelkeit Josephine auch erwischt.

Langer Rede kurzer Sinn, die weiblichen Crew-Mitglieder waren komplett außer Gefecht. So mussten Berthold und Hagen die erste und die zweite Nacht alleine wuppen. Die Tage weitestgehend auch. Was sie wirklich super gut gemacht haben. Die Wetterbedingungen wurden in den nächsten Tagen nicht besser. Ich erholte mich langsam und auch meine Erkältung wurde besser, während Josephine noch weiter an dem wirklich extrem ungemütlichen Seegang zu leiden hatte. Mal kamen die Wellen von der Seite, mal schräg von hinten, aber zuverlässig immer 3-4 m hoch und schnell hintereinander.

Es ging Josephine zwar jeden Tag etwas besser, aber eben nicht wirklich gut. So dass wir dann doch zu medizinischer Hilfe gegriffen haben. Das Scoboderm Pflaster aus der Bordapotheke hat wirklich super gut gewirkt. Schon ein oder zwei Stunden nach dem Aufkleben ging es ihr viel besser. Und 72 Stunden später, als das Pflaster dann entfernt werden mußte, war auch die Übelkeit und der Schwindel mit weg. Das hat uns alle sehr gefreut!

Mittlerweile haben wir uns eingegroovt. Leider kommt der Wind erst seit gestern, zumindest tagsüber einigermaßen aus der richtigen Richtung. Die Wellen haben sich noch nicht so ganz eingestellt. Vor allem die Nächte sind unentspannt, weil der Wind doch häufig an Stärke und Richtung wechselt.

Wir haben nach einem kurzen Ausprobieren, ob auch eine andere Reihenfolge gut geht, folgende Wachreihenfolge für uns als optimal herausgefunden: 20 – 24 Uhr Ursula, 24 – 3 Uhr Hagen und Josephine, 3 – 6 Uhr Berthold, 6 Uhr bis irgendwer aufwacht nochmal Ursula. Tagsüber geht jeder mal zwischendurch schlafen, wenn er möchte oder, wie seit gestern geht keiner schlafen. Naja, ich werde mich nachher doch noch für ein oder zwei Stunden hinlegen, weil ich ja bis 24 Uhr wach bleiben muss und schon seit 6 Uhr auf den Beinen bin.

Was machen wir so den ganzen Tag? Seit nicht ständig irgendwer gerade schläft und ein oder zwei Personen an Deck sind und den Kurs und die Segel im Blick behält, verbringen wir den Tag mit Kochen, Schiff in Ordnung halten, reden, Spiele spielen und – was wirklich das doofste an dieser Überfahrt ist – mit reparieren.

Vor drei Tagen wollten wir dann endlich einmal den Wassermacher einschalten. Die Wellen waren flacher und man konnte die Klappe zum Backbord-Motor öffnen, denn dort sitzt auch der Wassermacher. Beim Einschalten stellt Berthold fest, dass an einer Stelle Wasser in den Motorraum läuft. Alles schnell ausschalten – und schauen wo das Wasser herkommt. Berthold entdeckt eine zerbrochene Schraubverbindung, die wir so wahrscheinlich auch nicht mehr reparieren können. Wir werden es in den nächsten Tagen noch einmal versuchen. Der erste Reparaturversuch scheiterte. Das passende Ersatzteil haben wir nicht an Bord. Es war ja nicht damit zu rechnen, dass der ein halbes Jahr alte Wassermacher eine zerbrochene Schraubverbindung hat.

Es war ein bißchen meine Schuld, dass wir das erst jetzt festgestellt haben. Weil ich auf dem Weg zu den Kanaren immer sagte, dass wir den Wassermacher nicht ausprobieren müssen, weil er eh läuft und noch neu ist etc.
Das ist jetzt richtig blöd, weil wir jetzt mit dem Wassertank auskommen müssen. Trinkwasser haben wir zum Glück recht reichlich gekauft. Das sollte gut ausreichen. ABER – kein duschen, Waschen nur mit Schüssel und Waschlappen und wenig Wasser, kein Haare waschen – fast drei Wochen(!), Hände immer nur mit möglichst wenig Wasser waschen und immer gut aufpassen, dass man nicht mal einfach den Hahn aufdreht.
Der Wassertank ist jetzt noch etwas über halb voll. Stimmung nach wie vor optimistisch.

Gestern hatten wir einen wirklich schönen und gemütlichen und sonnigen Tag auf See. Die Männer haben die Angel ausgeworfen und wirklich schon nach ca. 1/2 Stunde hatten wir einen großen Fisch an der Angel. Wir glauben, es war ein Bonito. Der sprang und kämpfte am Haken und tatsächlich hat er es geschafft sich zu befreien. Schade. Das war ein ganz schön großer Brocken.

Eine dreiviertel Stunde später war wieder ein Fisch an der Angel. Diesmal blieb er dran, Berthold konnte ihn bis ans Schiff heranziehen. Es war ein Mahi-Mahi. Auch ganz schön groß. Aber dann machte Berthold einen Fehler, ich glaube er hielt die Angel zu hoch oder irgend so etwas, und so konnte auch der Mahi-Mahi es schaffen sich von der Angel zu befreien. Danach gab es einiges an Fachsimpelei zwischen den Herren und Jägern, was falsch war und wie man es beim nächsten Mal besser macht etc. Auf jeden Fall, war mal richtig etwas los. Josephine und ich hatten uns schon auf die köstliche Fischmahlzeit gefreut und wir haben eifrig mitgefiebert. Aber, so ist das eben. Wir werden schon noch einen Fisch aus dem Wasser ziehen. Das Ölkännchen mit dem Hochprozentigen steht zur Betäubung bereit und leider musste dann doch noch ein großer Metallhaken gekauft werden mit dem der Fisch aus dem Wasser geholt werden soll. Geht scheinbar doch nicht anders.

Am späten Nachmittag wollten wir dann für den Abend das Großsegel hochziehen, um mit Großsegel und Genua zu fahren. Schon beim Starten eines der Motoren merkte ich, dass irgendein Geräusch anders ist als sonst. Aber, wir waren erst einmal mit dem Segel beschäftigt. Ich merkte, dass das Schiff unheimlich lange brauchte, bis es sich von mir gegen den Wind steuern ließ. Irgendetwas war anders als sonst.

Am Ende des Segelmanövers stellte ich fest, dass der Gashebel zwar auf 2.100 Touren eingestellt war, wie beim anderen Motor auch, aber der Motor lief nur höchstens 1.000 Touren und wenn man Gas zurück nahm und wieder Gas gab, fiel der Motor sofort wieder auf die 1.000 Touren zurück. Was kann das sein? Berthold vermutete, dass irgendwie Luft ins System gekommen ist. Er und Hagen haben versucht die Luft herauszupumpen, aber es funktionierte nicht. So haben wir weitere Maßnahmen auf den heutigen Tag verschoben.

In der Nacht dann beim Wachwechsel von meiner zu Hagens Wache, bemerkte Hagen dass sich ein wichtiger Schekel an der Großschot geöffnet hatte und der Schraubverschluss nur noch dran hing. Also haben wir schnell Berthold geweckt und dann haben die beiden versucht den Schekel wieder zu schließen. Also erst einmal Segel runter, Druck raus – ein Motor an. Der Schekel hatte sich schon ziemlich verkeilt und beide mussten sich wirklich richtig ins Zeug legen, um da oben auf dem Dach, in der Dunkelheit und bei unruhiger See den Schekel wieder zu richten und zu schließen. Hagen hat sich bei dieser Aktion an der Hand verletzt. Er hat sich mit dem Schlitten des Travellers an der Handinnenfläche ein Stück Haut abgefetzt und daneben eine Blutblase. AUA. Und er konnte ja nicht einfach los lassen, sonst wäre die komplette Challenge in Gefahr gewesen. Gut dass die Bordapotheke gut ausgerüstet ist. Wir haben die Wunde gut desinfiziert, Salbe drauf und verklebt.

Gute Arbeit Hagen!

Heute haben wir dann versucht den defekten Motor wieder in Gang zu bekommen. Berthold hat einen Vorfilter ausgewechselt, der aber nicht so dolle verschmutzt war und ansonsten hat er weiterhin versucht die Luft aus dem Motor zu bekommen. Er hat wirklich sehr lange in dem Motorraum geschuftet, während ich davor saß und Schlüssel reichte und den Regenschirm als Sonnenschutz hielt. Aber es scheint irgendwo irgendwie Luft ins System zu gelangen oder es kommt kein Diesel nach. Berthold konnte den Fehler nicht finden. Der Motor startet nicht mehr durch. Futsch.

Gut, dass wir noch einen zweiten Motor haben. Wir sagen uns: Einrumpfschiffe haben immer nur einen Motor. Also muss es auch so zu schaffen sein. Wir brauchen den Motor dringend um Strom erzeugen zu können. Der Autopilot braucht eine Menge Strom und die Kühlschränke auch. Der Autopilot ist wohl das wichtigste Gerät an Bord. Aber – wir haben ja noch einen Motor. Also wollen wir uns mal nicht verrückt machen und hoffen, dass er nicht auch kaputt geht. So richtig verstehen kann man das alles nicht, weil wir ja noch eine Inspektion in Lanzarote haben durchführen lassen. Aber das bietet ja keine 100 %ige Sicherheit.

Nach kurzer Frustrationsphase haben sich Berthold und Hagen wieder mit der Angelei beschäftigt, während ich mich schlafen gelegt habe und Josephine war auch schlafen gegangen.

Heute hatten wir leider gar keine Angelglück. Wahrscheinlich weil wir bei dem wenigen Wind heute zu langsam sind und unser Köder nicht wild genug auf dem Wasser herumspringt. (Ich werde noch Fotos von unseren chicen Ködern nachliefern).

Also gab es heute, weil wir uns so auf Fisch versteift hatten, Thunfisch aus der Dose mit Nudeln und Weißwein-Sahnesoße. War auch lecker. Morgen werden wir bestimmt etwas fangen.
Die neueste Strategie: früh am Morgen die Angel ins Wasser bringen.

Da morgens immer ein Riesentrubel bei den fliegenden Fischen ist, gehen Berthold und Hagen davon aus, dass Jagdsaison unter Wasser ist. Und wir wollen den Jäger.

In den letzten Tagen hatten sich schon drei Fliegende Fische auf unser Schiff vor ihrem Verfolger gerettet. Aber das ist ihnen auch nicht gut bekommen. Sie liegen dann plötzlich irgendwo tot an Deck. Hagen hat sich ordentlich erschrocken, als er an der Reling saß, sich umdrehte und in die Augen eines toten Fliegenden Fisches guckte.

Wir alle arbeiten daran uns nicht von den defekten Dingen wie Wassermacher und Motor und immer wieder Problemen mit dem Satellitentelefon, aus der Bahn werfen zu lassen. Das klappt wirklich relativ gut. Was das Satellitentelefon betrifft haben wir es bisher jeden Tag geschafft, die Emails mit den Wetternachrichten herunterzuladen. Jedoch unsere neu erworbene Redbox die den Datenverkehr stark beschleunigen sollte, hat den Geist aufgegeben.

Wir hoffen sehr, dass nicht noch mehr kaputt geht und uns den weiteren Weg erschwert. Dass eine Atlantiküberquerung kein Kö-Bummel wird war uns ja allen klar. Aber ich muss schon sagen, es ist zeitweise wirklich eine Herausforderung. Mehr als ich es erwartet hätte. Zum Glück ist die Stimmung untereinander gut. Und wir kennen uns alle gut genug, um auch einmal über eine Laune wegen Übermüdung oder Frust hinwegsehen zu können. Ich bin ganz sicher, dass wir am Ende alle von dieser Erfahrung profitieren werden.

Josephine und ich träumen davon wie wir, sobald wir in Rodney Bay angekommen sind eine große Tasche packen mit SHAMPOO, Haarkur, Duschgel, Bodylotion und Gesichtscreme. Damit werden wir dann zu den Duschen gehen und dort mindestens 1/2 Stunde duschen und pflegen und genießen. So stellen wir uns das vor. Und über eine erholsame und entspannende Rückenmassage im Wellnessbereich eines schönen Hotels könnten wir uns auch einig werden.

Fest steht: es wird keine Fotos aus der Zeit der Überfahrt von der Damenwelt an Bord der Sempre due geben 🙂

Weiterhin: Stimmung gut. – Es ist jetzt 24 Uhr, meine Wache ist zu Ende ich werden Hagen und Josephine jetzt wecken.

1.582 nm bis zum Ziel – Mittwoch, 03.12.2014. (Heute waren wir, weil sehr wenig Wind, nur langsam unterwegs.)
Wundert euch nicht, wenn im Bericht das Heute und Morgen und Gestern etwas durcheinander kommt. Das liegt daran, dass ich an zwei Tagen geschrieben hat. Und – abgesehen davon – warum soll es euch denn besser gehen als uns hier an Bord. Wir wissen alle so oft nicht mehr, ob ein Ereignis gestern oder vorgestern war. Keine Sorge, das Heute bekommen wir noch auf die Reihe.

Auch braucht ihr nicht zu denken, dass die von uns gefahrene Schlangenlinie an dem guten Rum und Wodka aus Gibraltar liegen. Das liegt am Wind und an unserer Besegelung.

——- nächster Bericht —–

04.12.2014 – 7 Uhr – 1.558 nm bis zum Ziel
Draußen ist es noch stockdunkel. Windstärke 14,1 Knoten (wahrer Wind), Geschwindigkeit zwischen 5 und 5,7 Knoten, Kurs 284 Grad. Windwinkel 145 Grad.
Ein Kurs von 261 Grad wäre ideal, mehr Wind wäre auch ideal. Aber ich will mal nichts sagen, denn gestern und vor allem in der Nacht hatten wir so gut wie gar keinen Wind.
So dass unser eines Motörchen zwischendurch mal zwei Stunden arbeiten mußte.

Normaler Weise läuft der Motor nur im Leerlauf, um Diesel zu sparen, aber um die Batterien aufzuladen.

Irgendwie scheint es Tradition zu werden, dass ich am Ende meiner 24 Uhr-Wache für ein bißchen Familienalarm sorge. Heute war es dann ein Squall der alle auf die Füße brachte. Kurz vor Ende meiner Wachzeit nahm der Wind plötzlich zu, was mich erst einmal freute, weil wir wieder etwas zügiger voran kamen. Aber dann konnte er sich so gar nicht entscheiden, aus welcher Richtung er blasen möchte und hat mal kurzerhand alle möglichen Richtung ausprobiert. Als ich Berthold rief, war er schon fast aufgestanden, weil er durch die veränderten Wellengeräusche und Windgeräusche geweckt worden war.

Also, was tun? Etwas abwarten ob es nur wenige Minuten dauert? Den Gennaker gleich einholen?
Alte Seglerregel: Wenn du über das Reffen nachdenkst – tue es. Das ist übrigens auch eine geeignete Regel für andere Lebenslagen 🙂

Also: Wieder Schwimmwesten anziehen, Handschuhe anziehen, Motor an, etwas Fahrt nach vorne um dem Gennaker den Druck aus dem Segel zu nehmen, Segel einrollen.

Wind beobachten, abwarten was passiert.

In der Zwischenzeit sind Hagen und Josephine wach, denn der funktionierende Motor ist der auf der Backbordseite und der Gennaker war auch zur Backbordseite draußen, so dass die Aktion direkt vor ihrem „Schlafzimmerfenster“ stattfand.

Als die beiden dann an Deck waren, konnte ich schlafen gehen. Den Rest des Manövers machen dann Berthold, Hagen und Josephine.

Um 6.30 Uhr hat mich Berthold geweckt. Er hat mich eine halbe Stunde länger schlafen lassen. Und ganz ehrlich , ich habe schon lange nicht mehr so tief geschlafen wie in den letzten 6 Stunden. Erste Aktion: Motor an, nein – Schwimmweste an, Motor an, etwas Fahrt, Genua einrollen, Gennaker ausrollen. Motor in Leerlauf um Batterien zu laden (ca. 1 Stunde werde ich ihn laufen lassen).

Berthold geht schlafen. Ich mache mir ein Müsli und die erste Tasse Kaffee seit wir in Las Palmas gestartet sind.

Was wirklich schön ist, ist die Tatsache, dass man sich seit drei Nächten nicht mehr so warm anziehen muss. Mittlerweile kann man barfuß und in kurzer Hose die Nacht verbringen. Ich bin die Einzige die noch ab und zu eine Fleecejacke anzieht. Ab und zu – Insider wissen Bescheid.

Und was wirklich wunderschön ist, ist der Sternenhimmel – und die Sonnenaufgänge – auch die Sonnenuntergänge versteht sich. Aber jetzt warte ich erst einmal auf den Sonnenaufgang und hoffe schon sehr, dass wir heute ein wenig mehr Strecke in Richtung Westen machen können als gestern.
Ein neuer Tag beginnt und ich bin gespannt, was er bringt. Wieviele Seemeilen in Richtung Ziel er uns bringt und ob er uns wohl heute einen leckeren Fisch beschert?

1.555 nm bis zum Ziel – 7.30 Uhr – 04.12.2014

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04.12.2014 – 22.30 Uhr und noch 1.484 nm bis Saint Lucia

Schlappe 71 nm seit meinem Dienst heute Morgen. Das ist nicht so viel wie wir es gerne hätten. Aber der Wind hat heute wieder einmal ziemlich nachgelassen, so dass wir teilweise nur 3-4 Knoten Fahrt gemacht haben.

Das hat der Stimmung an Bord einen kleinen Knick gebracht. Wir sind jetzt 11 Tage unterwegs und müssen, durch den ständig unterbrochenen Schlaf doch alle ein bißchen kämpfen. Nein, es ist keine schlechte Stimmung an Bord und auch keine Auseinandersetzungen, aber … jeder wird mal so ein bißchen stiller als sonst oder ist mal ein bißchem empfindlicher.

Wir haben alle einen Mittagsschlaf gemacht. Natürlich nicht gleichzeitig, aber heute brauchte jeder etwas Schlaf.

Als Erfolgsmeldung des Tages, gibt es News von der Anglerabteilung: Am Nachmittag hat ein Bonito angebissen. Wir dachten schon, dass wir nur das gestern schon vorbereitete Ratatouille essen müssen, denn wir hatten auch kein Fleisch aus dem Gefrierschrank genommen. Und der Wobbler hing schon seit heute Morgen im Wasser. Konnte aber nicht gut wobbeln, wegen der langsamen Fahrt. Am späten Nachmittag dann, spulte die Angel plötzlich ab.

Alle Erfahrung des Angelausfluges und der letzten beiden „Testläufe“ wurden zusammengenommen und mit aller Ruhe und Gelassenheit wurde der Fisch langsam immer näher ans Schiff gezogen. Hagen stand mit Rum und Metallhaken bereit um den Fisch zu betäuben und aus dem Wasser zu ziehen. Berthold holte die Angel ein. Es klappte alles wie im Handbuch für Hobbyangler. Heraus kam wie gesagt, ein Bonito von genau der richtigen Größe für uns 4 Personen.

Meerwasser in den Topf, Kartoffeln dazu. Gemüse aufwärmen und die frischen Thunfischfilets landeten in der Pfanne. hmmm Das war ein köstliches Abendessen.
Danach kam ein kleiner Squall, der uns endlich mal ein bißchen Fahrt brachte. Zum Glück drehte der Wind nicht während er zunahm. Berthold beobachtete das ca. 1/2 Stunde dauernde Windgetöse genau, während ich den Berg Geschirr vom Tag gespült habe. Meine Wachzeit hatte schon begonnen. Ich war froh, dass Berthold da saß und mich durch den starken Wind manövriert hat. Das macht mich doch immer etwas unsicher, wenn es so bläst.

Nachdem der Wind sich wieder auf ein gleichmäßiges Level eingegroovt hatte ging Berthold ins Bett. Ich schreibe, beobachte den Wind und Windwinkel, schaue mir den Mond und die Sterne an und habe jetzt noch eine Stunde Wache vor mir. Ich werde noch ein paar Fitnessübungen machen, und dann noch ein bißchen Hörbuch hören. „Der Schwarm“. Vielleicht nicht so ganz die richtige Überfahrt-Lektüre, könnte man meinen.
1.373 nm bis zum Ziel – 05.12.2014 – 21 Uhr
Heute Morgen wollte es gar nicht hell werden. Das lag nicht nur daran, dass wir ja nach UTC-Zeit unsere Wache eingeteilt haben, sondern hauptsächlich an dem sehr stark bewölkten Himmel. Kurz vor Tagesbeginn kam dann noch einmal starker Wind auf, bis 29-30 Knoten. Ich habe Berthold geweckt, weil wir ja den Gennaker draußen hatten. Aber da der Wind doch so schnell stärker wurde, war auch die richtige Zeit ihn einzuholen schon eigetlich überschritten. Wir überlegten ob es nicht evtl. gefährlicher für das Segel ist ihn einzurollen, als es einfach stehen zu lassen und zu hoffen, dass der Wind wie in der Nacht zwischendurch, nicht stärker wird als in kurzen Spitzen 29 Knoten. Wir saßen also vor dem Bildschirm und haben den Windwinkel genau im Auge behalten, weil es ja immer sein kann, dass in so einem Squall der Wind plötzlich dreht. Das wäre dann unserem Gennaker sicher nicht gut bekommen.

Nach einer halben Stunde ca. war das auch wieder durchgestanden. Man ist doch immer ziemlich angespannt, wenn es so plötzlich anfängt zu winden. In der tiefschwarzen Nacht kann man leider diese Wetterfronten nicht gut ausmachen. Der Gennaker hat jedoch brav seine Arbeit gemacht und wir hatten richtig gut Fahrt zwischendurch. Da sieht man dann ganz viel die 8 Knoten aber in Spitzen auch 9 oder über 10 Knoten Fahrt.

Und so verlief eigentlich der ganze Tag. Wir hatten entweder relativ wenig Wind und konnten nur wenig Strecke machen, oder wir hatten starken Wind und Regen.

Einen dieser Regengüsse hat Hagen genutzt um sich zu „duschen“. Das war sehr lustig, wie er in Unterhose im Regen stand und sich gewaschen hat. Die Seife, die der Regen nicht geschafft hat wegzuspülen, wurde dann mit dem Regenwasser abgespült, das sich im Dinghy gesammelt hatte.

Danach spielten wir eine Runde Activity und kochten uns einen Topf Nudeln, die wir mit Pesto verspeist haben. Wir wollten abends die aufgetauten Iberico-Chops auf den Grill legen. Dazu kam es dann aber nicht, weil wir immer noch satt waren von der Nudelmahlzeit am Nachmittag.

Stimmung gut. Jedoch wird immer häufiger gerechnet, wie lange wir noch unterwegs sind. Das liegt natürlich auch daran, dass wir in windschwachen Zeiten nur mit 4-4,5 Knoten unterwegs sind.

Einen Hoffnungsschimmer brachte der Tag. Wir haben eine Email-Antwort von unserem Herrn Krützkamp aus Lanzarote zum Thema „Motor kaputt“ erhalten: Aufgrund unserer Fehlerbeschreibung und dem Ergebnis der bereits durchgeführten Maßnahmen, ist er der Meinung, dass die Dieselleitung zum Motor hin verstopft sein könnte. Das war ja auch schon eine von Bertholds Vermutungen. Herr Krützkamp sagte, wir sollten es einmal damit versuchen die Leitung durchzupusten. Mit der Luftpumpe oder einem Fender. Daran werden wir uns dann morgen machen. Ich werde berichten, ob die Aktion erfolgreich war.
1.219 nm bis zum Ziel – 07.12.2014 – 1 Uhr UTC
Berthold hat heute die Uhr im Salon etwas der karibischen Uhrzeit angepasst. Er hat die Uhr nicht die kompletten 4 Stunden zurück gestellt, sondern erst einmal nur zwei Stunden. Für uns zum Eingewöhnen. Das bedeutet, dass meine Wachezeit heute bis 2 Uhr geht.

Heute ist nicht so ganz mein Tag. Ich bin müde, habe Kopfschmerzen und könnte mal so ein zwei Tage Pause vom Bordalltag gebrauchen. Morgen bzw. heute wenn die Sonne aufgeht, ist das bestimmt schon wieder alles anders.

Wir hatten ja heute einen wirklich schönen und erfolgreichen Tag. Berthold hat den Steuerbord-Motor repariert. Der Tipp die Leitung mit einer Luftpumpe durchzupusten hat geklappt. Wir haben eine Luftpumpe mit Saug- und Pump-Funktion und so habt Berthold erst einmal die Leitung durchgepustet und dann angesaugt und – der Diesel fließt wieder. Berthold hat alles wieder zusammengebaut und den Motor gestartet. Beim dritten Starten schnurrte der Motor wieder, wie ein Kätzchen. Ihr könnt euch bestimmt gut vorstellen, wie erleichtert wir alle waren. Und stolz auf Berthold und Berthold stolz auf sich und dankbar Herrn Krützkamp für die gute Lösungsidee.

Danach gab es erst einmal Barbecue. Die aufgetauten Iberico-Chops wurden auf den Gasgrill, der an der Reling hängt gelegt und köstlich gegrillt. Dazu gab es Kartoffeln und die mittlerweile übliche Gemüsemischung: Paprika, Zucchini, Aubergine, Zwiebel und Tomate.

Unser Gemüse macht so langsam aber sicher schlapp. Etliches mussten wir ja schon vor einigen Tagen immer wieder entsorgen. Interessanter Weise machten die Möhren gar nicht lange mit. Sie fingen bald am Strunk an zu schimmeln. Was bestimmt auch daran lang, dass wir ja alles Gemüse waschen sollten bevor es an Bord kommt. Das hätte ich so vorher nicht eingeschätzt. So wird die letzte Woche vor der Ankunft eine Gemüse und Obst freie Woche werden. Beim Obst haben sich die Orangen, die beim Kauf ja noch fast grün waren am besten gehalten. direkt gefolgt von den Mangos und Kiwis. Auch die Birnen und Äpfel waren ganz gut lagerbar. Die Birnen wurden irgendwann weich. Die Äpfel halten noch durch bis auf einzelne die braune Stellen bekommen. Aber da der Joghurt jetzt auch zur Neige geht, ist die Zeit der üppigen täglichen Obstsalate jetzt eben vorbei. Dann gibt es Müsli mit Orangenfilets 🙂

Ich will noch einmal erwähnen, dass unser Motor wieder läuft!!! Ich bin so stolz auf Berthold, der wirklich viel Zeit gebückt im Motorraum verbracht hat, bei Gewackel und Geschaukel und es gibt im Motorraum keine Stelle an der man die Füße gerade hinstellen kann. Und er hat nicht aufgegeben. Er hat eigentlich eine Volvo-Medaille verdient.

1.216 nm bis zum Ziel.

Montag, o8.12.2014 – 970 nm bis zum Ziel
Die letzten beiden Nächte waren sehr anstrengend. Kurz nachdem ich meinen Bericht geschrieben hatte, ging es los. Die Wellen waren wild und hackelig und es war entweder zu viel oder zu wenig Wind. Die Richtung nicht wirklich gut und wechselte immer mal wieder, so dass man sehr genau auf den Windwinkel aufpassen musste. Es war dauernd irgend etwas, so dass man auch nachts in den wachfreien Phasen nicht richtig schlafen konnte. Vor allem Berthold wurde öfter geweckt und gebraucht oder er konnte von sich aus nicht schlafen, weil er immer mit einem Ohr angespannt lauschte, was das Schiff macht.

Hagen ist mittlerweile so gut, dass wir Berthold zum Glück nicht für jedes Segelmanöver wecken müssen. Es sei denn es ist zu viel Wind und es ist Kraft gefragt. Da scheiden dann Josephine und ich aus.

Es war aber auch wirklich durch die vielen kurzen Wellen sehr laut in den Kufen und hörte sich dort oftmals noch schlimmer an, als es dann oben und draußen wirklich war.

Um etwas mehr Ruhe an Bord zu bekommen und weil man ja auch nie weiß, ob der Wind sich nicht doch noch steigert, sind wir in der Nacht nur mit der Genua gesegelt. Was uns dann natürlich, wenn der Wind wieder schwach war, langsamer gemacht hat.

Seit heute haben wir wieder besseren, stabileren Wind. Wir konnten tagsüber mit dem Gennaker fahren und haben ganz gut Strecke gemacht. Gegen Abend wurde der Wind stärker und wir tauschten wieder das Segel gegen die Genua aus. Jetzt habe ich Wache, es ist nach unserer umgestellten Uhr 21.30 Uhr und wir haben wahren Wind von 24-27 Knoten und nur mit der Genua eine Geschwindigkeit von 7-8 Knoten. Manchmal 6 Knoten, wenn der Wind auf 20 Knoten zurück geht.

Zu dem Wind haben wir relativ hohe Wellen. 3-4 Meter bestimmt. Sie bringen uns auch Geschwindigkeit, Da liest man dann schon mal 9,8 bis 10,irgendwas Knoten, wenn wir die Welle abreiten. Leider drehen sie das Schiff ab und zu etwas, so dass man in der Wache nicht so ganz gemütlich herum lümmeln kann, sondern den Windwinkel gut im Auge behalten muss, um rechtzeitig zu korrigieren, damit das Segel nicht umschlägt.

Ich hatte in den letzten beiden Tagen ziemlich mit mir zu kämpfen. Der Lärm unter Deck, das Gehacke der Wellen, dann immer in den Nächten diese Unruhe und immer war etwas, nie schläft man wirklich fest und aus. Man ist ständig in Bewegung, bzw. wird ständig bewegt und muss ausgleichen. Dann das Gefühl nicht voran zu kommen, kein Ende in Sicht. Und plötzlich kommen einem Gedanken in den Kopf, was alles passieren könnte. Nicht wirklich Angst, aber eben ein Gefühl der Unsicherheit. Vor allem die Nächte sind dann wirklich eine Herausforderung für mich. Eines steht fest: ich werde den Atlantik nicht noch einmal mit dem Segelschiff überqueren. Diese Erfahrung reicht es für mich einmal zu machen. 🙂
Aber auch Berthold würde wohl nicht noch einmal auf die Idee kommen. Denn es ist schon wirklich sehr anstrengend.

Seit heute Mittag geht es mir wieder besser. Irgendwie habe ich mich wieder gefangen. Zum Glück. Die Zuversicht und positive Einstellung hat gesiegt. Ich hatte ein schönes Gespräch mit Hagen und Josephine, während Berthold versuchte etwas Schlaf aufzuholen, was ihm aber nicht gelang. Ich hoffe, dass er jetzt einigermaßen schlafen kann.

Es wird doch wohl nicht der Vollmond sein, der uns vom Schlaf abhält? Er leuchtet jedenfalls einen wunderschönen silbernen Fluss ins Schwarz des Meeres. Das sieht wirklich sehr schön aus.

962 nm bis zum Ziel – 22.30 Uhr – Auf meinem Bildschirm tauchte gerade ca 10 nm parallel zu uns ein die Blue Ocean auf. Es ist eine Lagoon 560, die auch an der ARC teilnimmt. Wir hatten tagelang kein Schiff der ARC mehr gesehen. Wir dachten schon, wir wären ganz hinten in der Multihull-Division, weil die meisten mit ihren Spinnakern und Parasailern schneller sind als wir. Sie müssen nicht immer wieder shiften, also nicht wie wir im Zickzackmuster segeln.

09.12.2014 – 7.13 Uhr – noch 910 nm zum Ziel
Ich habe geschlafen wie ein Murmeltier. Und auch Berthold hat bis zu seiner Wache um 3 Uhr tief und fest geschlafen. Der Wind blieb die ganze Nacht bei 20-25 Knoten und drehte sogar ganz sanft so, dass wir noch bessern Kurs in Richtung Saint Lucia fahren können. Die Wellen sind immer noch relativ hoch, scheinen sich aber auch immer mehr zu beruhigen. Berthold liegt im Bett und schläft schon. Puh, das war wirklich notwendig, sonst wird das alles hier zu kräftezehrend.

An der Frontscheibe kleben ein paar Schuppen. Da hat wohl mal wieder ein Fliegender Fisch die falsche Richtung zur Flucht genommen. Ich werde ihn gleich entsorgen. Fast jeden Tag findet man einen toten Fisch an Bord.

Auf meinem Navigationsbildschirm sehe ich im Moment zwei weitere Segelschiffe. Zum einen immer noch die Blue Ocean die mit uns Richtung Saint Lucia fahren wird und dann noch ein großes Segelschiff Yacana (21×5 m), das Kurs nach weiter südlich fährt. Interessant, was auf so einem Atlantik los ist. Außer ein paar wenigen Frachtschiffen hatten wir in den letzten Tagen niemanden mehr „gesehen“. Die beiden erwähnten Schiffe sehe ich auch nicht. Nur auf dem AIS-Bildschirm. Die Blue Ocean ist ca. 6-7 nm von mir entfernt.

Die Sonne ist gerade aufgegangen. Ein neuer Tag an Bord der Sempre due beginnt. Ich bin so froh, dass ich mich wieder wirklich gut fühle. Und ich hoffe sehr, dass wir die restlichen 900 nm das Atlantiksegeln erleben, das immer in so vielen Büchern und Erzählungen beschrieben wird. „Stabiler Passatwind mit 15-25 Knoten, 2 m-Wellen die sehr lang sind“. Das wäre wirklich wunderschön und ich finde wir haben es uns verdient.

Wir sind ja mittlerweile auch Profis im Wassersparen geworden. Unser Wassertank ist immer noch halb voll. Aber wir trauen uns aber noch nicht zu duschen. Man weiß ja nie was noch kommt. Tagelange Flaute, das Trinkwasser wird knapp oder sonst irgendetwas blödes.

Aber davon gehen wir jetzt mal nicht aus. Heute wird ein schöner Tag und ich hoffe doch sehr, dass wir heute wieder angeln können und einen schönen Fisch aus dem Meer ziehen. Hagen wünscht sich so sehr einen Mahi-Mahi. Mir ist es egal, Hauptsache er schmeckt. Vorsichtshalber, falls den Fischen in der Gegend hier unser Wobbler nicht gefällt, habe ich gestern Abend Lamm-Chops aus dem Gefrierschrank genommen.
10.12.2014 – 7 Uhr – noch 783 nm zum Ziel
Kamen wir gestern tagsüber noch ziemlich flott voran, schlief in der Nacht leider der Wind wieder zu sehr ein, so dass wir in den letzten 24 Stunden nur 127 nm geschafft haben. Schade.

Wir lernen: für eine Atlantiküberquerung lohnt es sich ein Parasail oder einen Spinnaker anzuschaffen. Damit ist man bis zu 3-4 Tage schneller.

Aber nur Geduld, wir kommen schon an. 🙂
Geduld ist ja bekanntlich nicht gerade eine meiner großen Eigenschaften. Dafür jedoch Ausdauer. Zum Glück.

Hagen hingegen hat wirklich Spaß an Bord. Er hält die Laune hoch und er lernt vieles über das Segeln und hat Spaß am ANGELN.

Wo wir dann auch schon beim Highlight des gestrigen Tages wären: Die Herren Angler waren sehr erfolgreich. Nachdem wir fast den kompletten Tag die Angel hinter uns her gezogen haben, der Wobbler eifrig über die Wellen wobbelte, saßen wir gerade zusammen im Salon und unterhielten uns, als ich beim Blick nach draußen einen Fisch hochspringen und wieder eintauchen sah. Und Sekunden später rauschte die Angelschnur nach draußen. Was bedeutet: Fisch am Haken.

Das mittlerweile schon gut eingespielte Angelteam machte sich an die Arbeit. Berthold an der Angel. Er ließ noch weitere Schnur ablaufen, denn man konnte schon feststellen, dass am Haken ein Kämpfer hängt und offenbar ein größerer Fisch. In der Zwischenzeit stellte Hagen alles bereit, was zum Einholen des Fisches nötig ist. Eine Pütz voller Meerwasser, das große Brett und das Messer, die Gaff und den Rum.

Wie es immer so ist, kommt der Wind dann auf, wenn man ihn gerade einmal nicht gebrauchen kann. Also nahmen wir von bisher 5-6 Knoten Fahrt auf bis 7-9 Knoten. Also: Erst einmal Geschwindigkeit aus dem Schiff nehmen. Angel in der Halterung, Fisch am Haken weit draußen, Motor an, Gennaker einrollen, Vorsegel bzw. Genua ausrollen. Schon besser. Man sollte meinen, der Fisch wäre mittlerweile etwas müder geworden und würde sich ein bißchen leichter einholen lassen. Aber so war das nicht. Es dauerte wirklich sehr lange, vielleicht eine halbe Stunde, bis der Fisch endlich so nah am Schiff war, dass Hagen ihm einen großen Schluck Rum ins offene Maul schütten konnte. Das wirkte sofort. Ein großes Zucken ging durch den Fisch und er war tot. Hagen nimmt den Fisch mit der Gaff aus dem Wasser, legt ihn auf das Brett und Berthold gibt ihm den Stich ins Herz, so dass der Fisch ausbluten kann.

Die Begeisterung war groß, als Berthold und Hagen schon ca. zwei drei Meter bevor der Fisch nah am Schiff war sahen, dass es ein wirklich sehr großer Mahi-Mahi ist. Da ich während dieser Aktion im Salon saß, konnte ich gar nicht die schöne leuchtend grün-gelbe Farbe des Fisches sehen. Sobald der Fisch tot ist, verändert sich seine Farbe auf ein dunkelbläuliches Grau-Silber. Josephine war mit fotografieren beschäftigt.

Wahnsinn, es ist wirklich ein großer Fisch. Wir haben ihn von Nase bis Schwanzspitze gemessen: ziemlich genau 1 Meter!!! und ein riesiger Kopf. Selbstverständlich werde ich für euch ein Foto nachliefern. Gegen diesen Fisch war unser Bonito ja winzig.

Mittlerweile ist es dunkel geworden. Berthold und Hagen tauschen die Genua gegen den Gennaker aus und dann macht sich Berthold ans Filetieren. Zwei ziemlich große Fischfilets landen in der Frischhaltebox und diese im Kühlschrank.

Wir alle freuen uns schon auf die köstliche Fischmahlzeit. Wobei ich glaube, dass wir mindestens zwei Tage mit dem Fisch beschäftigt sein werden.

Mittlerweile ist es 8 Uhr. Die Sonne ist aufgegangen. Das schöne an meiner Wachzeit ist, dass ich fast jeden Mondaufgang und fast jeden Sonnenaufgang sehe.
Heute Morgen ist es wieder etwas bewölkt. Aber das heißt noch gar nichts. So beginnen fast alle Tage. Am Horizont kann man ein paar Regenschauer sehen.

Die Blue Ocean, die gestern ja auch noch fast den ganzen Tag in unserer Nähe war ist übrigens auch wieder von unserem AIS-Bildschirm verschwunden.

Für den heutigen Tag wünsche ich uns 20 bis 25 Knoten Wind und zügige Fahrt. (Ich versuche es einfach nochmal, nachdem das mit dem Wünschen gestern so gut geklappt hat)
712 nm bis zum Ziel – 10.12.2014 – 21.45 Uhr
Schlappe 71 nm in 15 Stunden. Das ist ein Schnitt von 4,7 Knoten. Ich hätte fast mit noch weniger gerechnet, weil heute tagsüber wirklich kaum Wind war. Also das mit dem Wünschen klappt nicht immer, wie sich zeigt.

Jetzt gerade frischt der Wind etwas auf und wir haben ca. 16-17 Knoten Wind. Ich hoffe er bleibt so. Tagsüber waren es manchmal 10-12 Knoten.

Berthold hat den Tag genutzt um auf dem Vordeck eine Salzwasserdusche zu nehmen, die er mit 1,5 Liter-Süsswasser beendete.
Das Highlight des Tages war das Abendessen: Mahi-Mahi vom Grill an in Meerwasser gegarter Kartoffel und Zucchini-Tomaten-Gemüse.
Das war wirklich ein ganz besonders köstlicher Fisch. Zartes aber festes Fleisch, keine Gräten, vorzüglicher Geschmack.

Und ich freue mich schon, weil morgen gibt es wieder Mahi-Mahi. Wir haben heute ja nur ein einziges Fischfilet zu viert geschafft. Und jeder hatte wirklich reichlich Fisch auf dem Teller.

Was wir heute auch festgestellt haben ist, dass es gut ist, den Fisch ein paar Stunden liegen zu lassen, dann ist da Fleisch immer noch fest aber nicht hart. Wir hatten den Tipp schon von einem Angler bekommen, dass man den Fisch erst ein paar Stunden ruhen lassen sollte bevor man ihn zubereitet, da durch den Kampf mit der Angel noch zu viel Energie im Fleisch ist. Es scheint tatsächlich so zu sein. Wir werden es, falls wir noch einmal das Angelglück haben und einen Bonito fangen, ausprobieren.

Alles in allem war heute ein schöner Tag an Bord. Außer dass Josephine beim Biss in ein Oreo ein Stück Plombe verloren hat. Da müssen wir wohl in Rodney Bay zum Zahnarzt. Ich hoffe nur, dass sie nicht doch noch Zahnschmerzen bekommt. Das wäre wirklich ganz übel.

Dafür wurden wir am Abend mit einem unglaublichen Sternenhimmel belohnt. Man sieht die Milchstraße und eine Unmenge an Sternen. Den Mond habe ich heute noch gar nicht erblickt. Obwohl er ja immer noch fast voll ist. Ich werde gleich mal nachschauen wo er bleibt.

Mein Motto des Tages: Der Weg ist das Ziel.
11.12.2014, 22 Uhr, noch 576 nm bis Saint Lucia
136 nm in 24 Stunden.
Ein Tag voller Squalls, Regenschauer. Gennaker raus und rein, Genua raus und rein. Viel Wind, wenig Wind. Zum Glück waren die Squalls nicht stürmisch.
Anstrengend.

In der Nacht fahren wir mit der Genua. Sicherheit und etwas Schlaf für jeden geht vor. Lieber brauchen wir einen halben Tag länger bis zum Ziel.
14.12.2014, 8 Uhr, noch 253 nm bis zum Ziel
Flaute. Seit gestern ist der Wind eingeschlafen. Das Meer ist leicht wellig, die Sonne steht am wolkenfreien Himmel und gibt alles und es weht kein Windchen. Naja, ich will mal genauer sein, wir haben zwischen 7-9 Knoten Wind. Wobei ich auch schon die 4,2 auf dem Display gesehen habe. Was wir gebrauchen könnten, wären mindestens 16-22 Knoten Wind.

Seit gestern fahren wir unter Motor. Das Dauergeräusch des Dieselmotors ist anstrengend. Zumal die Kojen, ja im jeweiligen Rumpf immer direkt vor dem Motor liegen. Wir fahren immer nur mit einem Motor, um Diesel zu sparen und wir versuchen die Motorlaufzeiten so aufzuteilen, dass er immer in dem Rumpf läuft in dem gerade nicht geschlafen wird, aber das funktioniert nicht immer, weil wie jetzt gerade in jedem Rumpf jemand schläft.

Die letzten Seemeilen werden wirklich mühsam. Wir wollen nur noch ankommen. Ich erwische mich ständig dabei, auf dem Display nachzusehen, ob wir wieder eine nm weiter in Richtung Ziel gekommen sind. Unsere Vorräte neigen sich dem Ende zu und der Wunsch nach einer ausgedehnte Dusche wird auch immer größer.

Auch die Tatsache, dass schon viele Schiffe in Rodney Bay angekommen sind, demotiviert uns etwas. Wir hatten uns zwar von Anfang an vorgenommen, dass wir Sicherheit an erste Stelle setzen und nichts riskieren, und es uns egal ist wann wir ankommen, Hauptsache, wir kommen gut und heile an, aber irgendwie fragen wir uns dann doch, was wir hätten anders machen können.

Die Antwort ist nicht so schwer: Hinterher weiß man immer mehr. 🙂
Wir sind so gefahren, wie wir es konnten und wie wir es, vor allem Berthold es für richtig gehalten haben. Der einzige, der wirklich Segelerfahrung vorweisen kann hier an Bord ist Berthold. Auf ihm lastet die komplette Verantwortung. Wir anderen sind nur Crew. Wir haben unterwegs einiges gelernt. Vor allem Hagen übernimmt mittlerweile schon selbständig einige Segelmanöver, aber das hat sich so in den letzten drei Wochen erst entwickelt.

Und außerdem ist die Bordfrau, also ich, eine eher nicht risikobereite Mitseglerin. Wenn dann wie gestern plötzlich die Steuerung nicht so richtig funktioniert, werde ich doch ängstlich ob wir noch sicher weiter kommen. Im Meer schwimmen eine Unmenge an Wasserpflanzen, manchmal ganze Teppiche von diesem harten Zeugs. Wir vermuten, dass sich gestern in den Rudern ein solcher Teppich verfangen hatte. Berthold fuhr einen Vollkreis und auch mal kurz rückwärts und es scheint sich gelöst zu haben.

Dann ruckelt der Motor plötzlich. Es scheint wieder irgendetwas von diesem Zeugs unter dem Schiff zu hängen. Das kostet eine Menge Energie. Zum Glück ist es bis jetzt immer wieder gut gegangen.

Aber, bis das dann immer gelöst ist, bis man darauf kommt was los sein könnte und das nach einem kompletten Tag Flaute … und wo ich im Moment mit ganz anderen Gedanken beschäftigt bin, die nichts mit Segeln zu tun haben und die mich etwas dünnhäutiger machen … Da fällt es mir doch manchmal schwer, wieder meinen Optimismus heraus zu kramen. Aber es ist gut, an sich zu arbeiten und, wie meine Schwester immer sagt: … die Nase in den Wind zu strecken.

Insofern kann ich für heute zusammenfassen und sagen, dass der Skipper die richtigen Entscheidungen getroffen hat. Wir sind das der Mannschaft entsprechende Tempo gefahren. Zumal wir ja nicht gerade das Bilderbuch-Überfahrt-Wetter haben. Und jetzt fahren wir eben unter Motor, entweder bis Saint Lucia oder bis wieder Wind in unsere Segel weht. Also war es doch sehr gut, dass wir bisher sehr gut Diesel gespart haben.

Mein Tagesmotto: Alles wird gut, wie sollte es bei einer so großartigen Besatzung auch anders sein.
16.12.2014 – Rodney Bay – Saint Lucia
In der letzten Nacht um 23.43 Uhr sind wir über die Ziellinie gefahren. Wir wurden herzlich von zwei ARC-Mitarbeitern und einem Vertreter des Touristboard Saint Lucia mit lieben Worten, einem Obstkorb und einem köstlichen Rum-Punch für jeden empfangen. Das war schön. Danach sind wir noch kurz in die Bar der Marina, um noch einen weitern Rum-Punch zu genießen. Das erste Mal festen Boden unter den Füßen seit drei Wochen!!!
Dort wurde noch getanzt und gefeiert, wir haben das Treiben beobachtet und uns einfach irgendwo hingesetzt und zugesehen. Wie schön, wir sind da!!!!!!

Zur Feier des Tages und weil wir ja so super gut mit unserem Wasser gehaushaltet hatten, waren wir alle picobello frisch geduscht, mit frisch gewaschenen Haaren glücklich und zufrieden. Es war ein ganz komisches, fast unwirkliches Gefühl, angekommen zu sein.

Den Vormittag heute haben wir mit einchecken, und einklarieren verbracht und damit dem Bankautomaten ECD East Caribbean Dollar zu entlocken. Der sperrte sich zuerst etwas. Aber das schaffen wir jetzt auch noch, uns kann ja nichts mehr so schnell aus der Bahn werfen. Für heute Abend gibt es eine Party die die Marina für die ARC-Teilnehmer ausrichtet.

Ab morgen sind wir sicher so richtig da und fit und munter und wieder unternehmungslustiger als heute. Dann werde ich auch endlich mal das Schiff von innen putzen und anfangen Wäsche zu waschen. Das ist dringend nötig.

Nachher wollen wir noch unser Dinghy ins Wasser bringen und den Motor anbringen und dann geht’s bald mal um die Ecke zum Strand. Mal schauen, ob wir das heute noch schaffen. Wir hängen ja alle ein bißchen faul herum und sind schon erschöpft von den vielen Bürobesuchen, die hier doch immer etwas längere Zeit in Anspruch nehmen. Eine SIM-Karte für das WIFI an Bord, dauert dann schon mal ca. 1 1/2 Stunden.

Dieser Beitrag wurde unter 07/2014 bis 05/2015 veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu Wie waren ca. 3.100 nm auf dem Atlantik?

  1. Barbara schreibt:

    Hallo ihr Lieben! Habe dank Ursulas tollen Berichten eure Reise mit Spannung verfolgt und in der „Sendepause“ oft an euch gedacht. Freue mich mit euch. Habt ihr toll gemacht! Jetzt noch weitere schöne Tage! Viele herzliche Grüße!

  2. Stefan Pötzel schreibt:

    Mein Gott bin ich stolz auf euch Vier!!!! Hut ab vor dieser Leistung!!! Und Ursula, dein Bericht kann locker mit Abenteuerromanen der Klasse: Schatzinsel, Meuterrei auf der Bounty etc mithalten!! Ganz großes Kino…freue mich schon, wenn wir uns mal wieder treffen, mir die ganzen Geschichten bei dem einen oder anderen Alt, oder Kilepitsch anzuhören!!
    So long
    euer
    Stefan

  3. Christina Blum schreibt:

    Ihr Helden!!! Roderich und ich haben gestern Nacht mit Spannung Euren Bericht gelesen. Erst einmal vielen Dank an Ursula für die spannende Mischung aus weiblicher Feder und technischem Bericht. Du hast Eure Reise sehr mitreissend dokumentiert. Der Holger hat eigentlich schon fast alles so aufgeführt wie ich es nun auch zusammenfassen wollte. Diese Umstände waren schon sehr hart. Schlafmangel,nicht duschen zu können und dann miteinander auf ein paar qm auf hoher See auf einem Boot gefangen, das empfinde ich persönlich als grösste Herausforderung. Ihr habt es wunderbar gemeistert. Hier fällt der Schnee ab und an und es gab schon winterliche Landschaften, ein Träumchen. Alles ist dekoriert, Bing Crosby & Co singen fleissig Weihnachtslieder und Bachs Weihnachtsoratorium läuft rauf und runter:-)! Es würde Euch gefallen. Ihr lasst Euch die Sonne auf den Bauch scheinen und geniesst es barfuß herumzulaufen. Super! Kurz tauschen bis zum Wochenende wäre herrlich :-))))!! Herzliche Grüße aus dem Hochsauerland und ein HoHoHo von Christina, Roderich, Galgo und Kyrill (wuff)!

  4. Michael Turowski schreibt:

    Hallo nochmal! Ein großes Lob an die Berichterstatterin! Ich habe an deinen Zeilen geklebt und freue mich auf ein Wiedersehen.

  5. Holger Ruhnau schreibt:

    Stefan und ich kommen gerade mit den Jungs aus dem Kino – Der Hobbit. Gegen das, was ihr so erlebt habt, war seine Reise ja wohl ein lockerer Spaziergang!!
    Seekrank, Erkältung, Handverletzung, Plombe raus, die Technik spielt verrückt, Schlafmangel und kein Duschwasser: nicht gerade die besten Voraussetzungen um drei Wochen auf einem kleinen Schiff zu verbringen. (ups… Berthold,sorry…äaah – ich meine nicht richtig „klein“ – eher durchdacht, übersichtlich…minimalistisch…) 😉 Da muss man nicht nur aufpassen, dass das Segel richtig im Wind steht, sondern dass man selbst nicht auch im Wind steht – nicht, dass dem Gegenüber das Gemüffel in die Nase zieht… ( und ich würde trotzdem sehr gerne Fotos der Damenwelt sehen – wir werden da nochmal mit Hagen verhandeln:) )
    Und bei der ganzen Vorbereitung, den Seminaren und Kursen hat niemand Josephine erklärt, wie man einen Oreo-Keks isst??? (auseinander nehmen, die Creme ablecken, die Kekshälften in Milch tauchen – kennt man doch aus der Werbung!!!) Das solltet ihr auf jeden Fall als Idee an den ARC weiterleiten!
    Es ist toll, wie ihr als Team alle Schwierigkeiten gemeistert habt! Ihr könnt wirklich stolz auf euch sein. Nochmal herzlichen Glückwunsch!! Erholt euch erstmal gut, geht duschen, schlaft aus, geht duschen, esst frisches Obst, geht duschen und genießt die Zeit an Land.
    Herzliche Grüße aus dem Münsterland.

  6. Alec&Claudia schreibt:

    Die schönsten Nachrichten des heutigen Tages (und die der letzten 3 Wochen):
    Ihr seid gut angekommen!!! Wir freuen uns riesig und sind so stolz auf unsere Freunde!

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